März 2024

Seit zehn Jahren schneidet, schleift und poliert der betreute ARBES-Angestellte verschiedenste Produkte aus Stein.

Es ist Donnerstagmittag, Punkt 11.45 Uhr: Das Team der Steinbearbeitung versammelt sich an der Grillstelle am Gartenteich der ARBES-Werkstätten in Rothenbrunnen. Die Strahlen der ersten warmen Frühlingssonne erreichen die Anlage, Krokusse spriessen auf der Wiese und im betriebseigenen Esssaal herrscht reges Treiben. Viele der Mitarbeitenden holen sich ihren Zmittag auf dem Tablett und lassen sich im sonnigen Innenhof der Anlage nieder.

Reto und seine Teamkollegen aber bleiben heute etwas abseits. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Die Team-Grillade im ARBES-Garten ist eine Routine, die keiner von ihnen verpassen will.

Reto verteilt die Glut, legt ein Kotelett auf den Rost und stellt seinen Hörnlisalat auf den Gartentisch. Mit einem zufriedenen Seufzer nimmt er auf der Holzbank Platz:
«Das ist unser Highlight der Woche.»

Der 57-Jährige ist seit zehn Jahren betreuter Angestellter der geschützten PDGR. Sein Ziel: «Bis zur Pensionierung würde ich gerne noch hierbleiben.» Warum? Die Antwort kommt postwendend: «Ich habe Freude an meiner Arbeit– was will ich noch mehr?»

Feste Tagesstruktur

Dabei umfasst der Begriff Arbeit für ihn vieles mehr als nur die Beschäftigung zwischen 8.00 und 16.30 Uhr. Natürlich: Fräsen, Bohren, Schneiden, Schleifen und Polieren – all das seien tolle und spannende Aufgaben. Auch für Transporte und Staplerfahrten ist er der richtige Mann im Team. Ein «Joker», wie sein Betreuer ihn gerne nennt – denn Reto erledige seine Aufgaben immer gewissenhaft und sehr pflichtbewusst.

Aber neben den beruflichen Aufgaben sind die feste Tagesstruktur, der gute Zusammenhalt im Team und das wertschätzende Miteinander für Reto steinharte Argumente: «Das ist etwas Besonderes und habe ich bislang an keinem anderen Arbeitsplatz erlebt.»

Er lehnt sich auf der Bank zurück und blinzelt in die Sonne.
Dass er jemals keine Lust gehabt hätte, morgens zur Arbeit zu kommen – daran könne er sich eigentlich gar nicht erinnern.

Eingetreten ist Reto 2014 mit einem 30-Prozent-Pensum. Schrittweise durfte er dieses in Absprache mit seinen Vorgesetzten erhöhen. Heute arbeitet er 80 Prozent und ist mit seiner Erfahrung, seiner Zuverlässigkeit und seiner guten Auffassungsgabe eine tragende Säule im Team. «Ich bin ein geselliger Typ und habe gerne Leute um mich herum», kommt er ins Erzählen. «Ausserdem helfe ich anderen gerne weiter, wenn sie Fragen haben.»

Besonders gesellig zu und her ging es in den vergangenen Jahren auf dem Fussballplatz neben dem ARBES-Gelände in Rothenbrunnen. Mit Passion und grosser Einsatzbereitschaft war Reto aktiv: lange Zeit in Sturm, zuletzt als Goalie. Mittlerweile mache aber sein Knie nicht mehr mit, deshalb würde er auf 2024 in die Fankurve wechseln. Nach einer erfolgreichen Laufbahn: Mit der ARBES-Mannschaft nahm er schon mehrmals an internationalen Turnieren für Menschen mit Beeinträchtigung teil.

Persönliche Lernprozesse

Wenn es ihm mal zu viel würde, was ebenfalls vorkommen kann, dann könne er sich jederzeit zurückziehen. Das sei für ihn persönlich ein wichtiger Lernprozess gewesen: «Wenn es mir zu eng oder zu laut wird, oder wenn mich etwas stört, darf ich das offen ansprechen. Meine Bezugsperson hat ein offenes Ohr und gemeinsam finden wir dann meist schnell eine Lösung.»

Rückzug im Arbeitsalltag – das ist, wenn der Kopf einfach mal einen Kurzurlaub braucht, um danach wieder ausgeglichen bei der Sache zu sein.

Solche Möglichkeiten zu schaffen, ist in den Werkstätten der ARBES regelmässig notwendig. Denn die betreuten Angestellten sind Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die auf dem ersten Arbeitsmarkt aktuell nicht oder nicht mehr zurechtkommen.

Neben der Steinbearbeitung bieten die ARBES betreute Beschäftigung in den Bereichen Montage, Druckerei, Ausrüsterei, Schreinerei, Gärtnerei, Park und Anlagen, Textilwerkstätte und Floristik.

Das Team der Steinbearbeitung, das rund 20 betreute Angestellte zählt, umfasst drei Werkräume, davon auch eine Werkstatt mit lärmenden Säge- und Schleifmaschinen, die von den betreuten Mitarbeitenden hohe Konzentration und viel Aufmerksamkeit erfordern.

Für Reto kein Problem: Er weiss alle Maschinen selbstständig zu bedienen. Viele der anspruchsvolleren Arbeiten landen bei ihm.

Probleme versucht er stets erst einmal selbst zu lösen. Nur, wenn es gar nicht klappt, holt er sich Unterstützung bei seinem Fachbetreuer. «Hilfe muss ich mir eigentlich immer aktiv einholen, wenn ich sie brauche», stellt er lachend fest. Das sei sicher ein Kompliment. «Deshalb gönne ich mir dann aber auch die Pausen, die ich brauche», fügt er etwas schelmisch hinzu, und wendet sein Kotelett.

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